Vortrag – Veränderungen in der arabischen Welt

Super spannender und authentisch informativer Vortrag über die Situation in Syrien und im arabischen Raum von der Krisengebietsjournalistin und Autorin Petra Ramsauer im Rahmen des KCMV Clubabends mit vielen Clubfreunden und Gästen.

Mag. Petra Ramsauer ist eine der wenigen Journalistinnen, die noch nach Syrien reisen können. Immer wieder war sie im Zentrum der Kämpfe, u.a. in Aleppo, wo sich nach Meinung vieler der Krieg entscheidet, in Daraya und anderen Städten, in denen die Menschen verhungern und umkommen, belagert und abgeschnitten von der Außenwelt.

Danke an KF Wilhelm Patri für die Organisation dieses tollen Vortragsabends!

Sie hat mit Ärzten gesprochen, die unter Bombenhagel arbeiten, mit Bloggern, die unter Lebensgefahr Nachrichten aus dem Land schmuggeln, mit Kommandanten der bewaffneten Opposition und demokratischen Aktivisten, Vertretern des Regimes und der Kurden, mit Menschen, die geflüchtet sind, und anderen, die trotz allem bleiben.

Besser als das Vorwort zu ihrem neuesten Buch „Siegen heißt, den Tag überleben“, könnte der Vortrag nicht beschrieben und zusammengefasst werden:

 Siegen heißt, den Tag überleben

Bebend vor Zorn tritt Stephen O’Brien, der UN-Nothilfekoordinator, im Oktober 2016 vor den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. »Ich nehme Sie heute Nachmittag mit auf einen Abstecher in den Osten von Aleppo«, sagt er dort: »In ein tiefes Kellerloch, aneinandergedrängt mit Ihren Kindern und Großeltern. Der Gestank von Urin und Erbrochenem, Ergebnis unbändiger Angst, setzt sich in Ihrer Nase fest. Sie warten auf die bunkerbrechende Bombe, die Sie hier drin töten wird, in Ihrem letzten Unterschlupf, ähnlich dem Ihres Nachbarn, der gestern Nacht darin getötet wurde.« O’Brien schildert, wie Menschen mit bloßen Händen und voller Verzweiflung im Betonschutt nach ihren schreienden Kindern suchen: »Der giftige Staub raubt Ihnen den Atem. Der Geruch von Gas ist allgegenwärtig, jederzeit kann die Luft um Sie herum explodieren.« Diese Menschen, sagt er, »sind wie Sie und ich«.

Exakt darum sollte es immer gehen, wenn vom Syrien-Konflikt die Rede ist: um diese Menschen. Um Syriens Zivil- bevölkerung, die jahrelang zwischen den Fronten aufgerieben wurde. Zerrieben. Eine halbe Million ist nach sechs Jahren Konflikt tot, über eine Million schwer verletzt, mehr als die Hälfte der Bevölkerung vertrieben. Führt man sich diese Zahlen vor Augen, die Realität der Überlebenden, wie sie Stephen O’Brien so nachdrücklich beschreibt, dann ist eigentlich alles klar: Die entscheidende Front in diesem Krieg verläuft zwischen den Konfliktparteien und der Zivilbevölkerung, die diesen Krieg weder gewollt hat noch mit irgendjemandem sympathisiert.

Oft heißt es, Syrien sei ein einziges Chaos geworden. Tatsächlich ist es schwierig, diesen Konflikt in all seinen kom- plizierten Details zu verstehen. Aber es lässt sich begreifen, wie viel Unheil er anrichtet. Deshalb habe ich dieses Buch geschrieben: für jene, die wissen wollen, was diesen Krieg ausgelöst hat und warum er so schwer zu beenden ist. Es soll einen Überblick liefern, wo es angesichts täglich neuer Meldungen sehr schwer fällt, diesen zu behalten. Meine Berichte basieren zum Großteil auf meinen Recherchen in dem Bürgerkriegsland und in den Grenzregionen von 2012 bis 2016. Alle Zitate, die Sie hier finden, die nicht extra ausgewiesen sind, stammen aus diesen Recherchen, besonders aus Aleppo, wo ich während des Krieges mehrmals war. Informationen, die ich zusätzlich recherchiert habe, sind in Fußnoten am Ende des Buches ausgewiesen.

Wer während des Krieges nach Syrien fährt, kommt verändert zurück. Das sagen viele, die es wagten. Reporter, medizinisches Personal, humanitäre Helfer. Die Ereignisse dort führen einem vor Augen, zu welchen bestialischen Gräueltaten Menschen fähig sind. Aber sie zeigen auch, wie viel Widerstandsfähigkeit und Durchhaltevermögen in Menschen stecken kann. Das beweisen jene, die auch nach sechs Jahren Krieg weiterhin an eine demokratische Zukunft in dem Land glauben. »Siegen heißt, den Tag überleben«, sagte mir einer dieser Aktivisten im Herbst 2016, als Aleppo belagert und einem unvorstellbaren Bombenhagel ausgesetzt war.

Wien, im Dezember 2016